29.11.2023
Für die Kinder in unserem Heim ist der Juni besser als Weihnachten – im Juni sind Schulferien, eine Zeit mit der Familie, ein Ereignis, auf das man sich das ganze Jahr über freut. Es ist uns wichtig, dass Kinder mit ihren Familien verbunden bleiben, egal in welcher Situation sie sich befinden. Die Familie steht im Herzen eines Kindes an erster Stelle. Manche Kinder haben grosse Erwartungen, wenn sie nach Hause gehen, andere weniger. Doch unabhängig davon wollen und sollen alle Zeit bei ihren Familien verbringen.
Wir sind der Überzeugung, dass die Herkunftsfamilie in jedem Leben ein zentraler Faktor ist. Selbst dann, wenn die Erinnerung an die Familie keine guten Gefühle hervorruft. Wenn die Jungs ihre Traumata, ihre Trauer über die zerrütteten Familien wirklich bewältigen wollen, brauchen sie den Kontakt zu ihnen. Hier versuchen wir aktuell gerade herauszufinden, welche Therapie oder Beratungsform dabei am hilfreichsten ist.
Ausserdem wollen wir einen regelmässigen Besuchsdienst durch einen unserer Mitarbeiter einrichten. Dieser Mitarbeiter soll den Familien bei Problemen helfen und Verbindungsperson sein zwischen den Jungen und ihren Familien.
Die Geschichten der Jungen mit ihren Familien sind so unterschiedlich wie die Kinder selbst.

ANCHAL
«Nach Hause gehen bedeutet eine weitere Prügelstrafe», dachte Anchal. Er bewegte sich mit 16 Jahren wie ein alter Mann. Dreimal war er in der Schule schon in den dritten Stock hochgestiegen, hatte nach unten geschaut und überlegt, ob er springen solle. Dreimal tat er es nicht, obwohl sein Leben so unerträglich schien. Er sehnte sich verzweifelt nach der Liebe einer Familie. Sein Bein und seine Wirbelsäule mussten operiert werden, was monatelange Qualen bedeutete. Eines Tages platzte sein Blinddarm und sein Todeswunsch ging beinahe in Erfüllung.
Spät in der Nacht klopfte er im Heim an die Tür seiner Hauseltern. «Öffne die Tür, ich will reden». Stille. Die Tür öffnete sich. «Weisst du, als meine Mutter starb, war ich nicht einmal traurig». Und als Anchal seine Geschichte erzählte, erwachte die böse Stiefmutter in seinen Erzählungen zu neuem Leben. «Sie schlug mich jeden Tag mit Löffeln, Stöcken, Töpfen und Pfannen. Mit einem schweren Kochtopf schlug sie mir auf den Kopf. Sie verweigerte mir das Essen. Ich verliess morgens das Haus lange vor Schulbeginn, um Essen zu erbetteln. Ich nahm sogar die Opfergaben für die Kühe, die vor den Türen bereitlagen. Einmal rannte ich von zuhause weg, doch die Polizei griff mich auf und brachte mich wieder zurück.
Anchal erzählte seine Geschichte bis tief in die Nacht hinein. Alle hatten Tränen in den Augen. Zum Schluss seufzte Anchal: «Ich fühle mich richtig leicht.» Das Eis war gebrochen. Doch es brauchte Zeit, damit die Wunden in seinem Herzen heilen konnten. Seine Stiefmutter starb und er war nicht traurig.

MOHAN
Mohan besucht die Abschlussklasse. Er ist stark wie ein Ochse, sportlich, unglaublich schnell und Kapitän seiner Mannschaft. Vor kurzem spielte seine Fussballmannschaft das letzte Spiel der Saison. In der Halbzeit schimpfte er mit seinem Team, weil sie nicht gut gespielt hatten. Dann gewannen sie das Turnier doch noch und Mohan entschuldigte sich. Die Schelte mag ihren Zweck bewirkt haben, aber Mohan fühlte sich deswegen schlecht.
Mohan macht sich Sorgen um die gesundheitlichen Probleme seines Vaters. Er befürchtet, dass sein Vater «verrückt wird». Er hat zwei ältere Brüder und erinnert sich an den Ältesten, der vor 13 Jahren verschwand; er ging zum Spielen nach draussen und kehrte nie zurück. Als seine Mutter starb, war er drei Jahre alt und hat keine Erinnerung an sie. Dieser Verlust war ein schwerer Schlag für seinen Vater.
Das Zuhause von Mohans Familie ist klein, aber von Liebe geprägt. Im vergangenen Sommer arbeitete er mit seinem Vater auf einer Baustelle und half ihm so, Geld zu verdienen. Sein Vater wurde am dritten Tag krank, sodass Mohan allein an die Arbeit ging. Er arbeitete im dritten Stock und balancierte auf sehr instabilen Gerüsten. Todesfälle am Arbeitsplatz sind in Indien keine Seltenheit. Zuhause log Mohan betreffend seines Arbeitsortes, weil er nicht wollte, dass sich sein Vater Sorgen machte.
Sie verdienten in jenem Sommer genug Geld, um seinem Bruder ein Handy zu kaufen. Das machte Mohan glücklich.

CHANDA
Chanda ist 15 Jahre alt. Er verlor seine Eltern und wuchs mit Geschwistern in einem Ghetto in der Nähe der Bahngleise auf. Dort, wo sich die ärmlichen Hütten endlos anein- anderreihen und schier unzählbar viele Menschen wohnen, weiss trotzdem jeder, wo sein Zuhause ist. Als Chanda im letzten Sommer daheim war, brach jemand bei ihnen ein. Chanda schnappte sich einen Topf, um ihn niederzuschlagen, doch dieser schrie um Hilfe: «Jemand ist hinter mir her – helft mir!». Sie versteckten den nächtlichen Besucher bis zum Morgen und gingen dann mit ihm zur Polizei, um Hilfe für den Geflüchteten zu holen.
Dies war nicht der einzige Nachtbesuch. Der nächste verlief weniger gut. Chandas Schwester wurde in den Bauch gestochen. Er versorgte ihre Wunde und sie erholte sich von der Verletzung. Im letzten Sommer fuhr Chanda Lastwagen, um Geld zu verdienen. Da er keinen Führerschein hat, musste er die Polizeikontrollen meiden. Einen Teil seines Einkommens brauchte er selbst, den Rest gab er seiner Schwester.
So hat jeder seine eigene Geschichte und lebt die Beziehungen in der Familie unterschiedlich. Und so unterschiedlich sie auch sind – sie sind alle wichtig und wertvoll im Leben «unserer» Jungs und wir wollen ihnen helfen, die Beziehungen zu pflegen und Möglichkeiten bieten, dass familiäre Wunden heilen können.







































































































































